|
Vor wenigen Wochen verließ der tunesische Präsident Ben-Ali fluchtartig das Land, nachdem große Teile der Bevölkerung des nordafrikanischen Staates einen Umsturz herbeigeführt hatten. Bilder von Unruhen und Demonstrationen gegen das herrschende Regime erreichen uns nun auch aus Ägypten. Rollt eine "Demokratisierungswelle" über Afrika oder sind dies nur zwei zufällige Ereignisse ohne weitere Folgen?
Zunächst lässt sich eine Analogie zum Jahr 1989 herstellen: viele behaupten, sie hätten das Ende des tunesischen Regimes kommen sehen, doch das ist falsch - ebenso wie 1989 kommt dieser Umsturz auch für (Politik-)Wissenschaftler überraschend und war nicht vorher zu sehen. Das hat einen zentralen Grund: Aufstände und Demonstrationen gegen die Herrscher gibt es seit frühester Zeit und sind nichts außergewöhnliches. Indes haben es vor allem afrikanische Regime meistens geschafft, ihre Macht durchzusetzen und die revoltierenden Massen zu unterdrücken; das Ende eines Regimes war stets die Ausnahme, zumal durch eine Revolution herbeigeführt. Doch 2011 ist vieles anders. Vor allem dem Internet wird von vielen Wissenschaftlern eine entscheidende Rolle zugespielt. Der Schriftsteller Abdelwahab Meddeb sieht das Internet als "Triebfeder der Revolution". Zweifellos gelingt es dank des Netzes, viel mehr Menschen als früher mit Botschaften zu erreichen und so eine größere Mobilisierung zu erzielen. Aber das Internet ist nicht nur wegen seiner Bedeutung als Transportmedium entscheidend, vielmehr ist es vor allem für junge Menschen der Zugang zu "westlicher" bzw. "demokratischer" Kultur und zu jenen Werten, die wir als grundlegend erachten: Presse- und Redefreiheit, faire Wahlen, usw. Die Gesellschaft in Tunesien war nicht länger bereit, Untertanen einer korrupten Herrschaft zu sein. Sie wollen Freiheit und Demokratie - wenngleich der Begriff Demokratie von Kulturkreis zu Kulturkreis unterschiedlich bewertet wird.
Dasselbe lässt sich nun auch in Ägypten beobachten. Auch hier sind es vor allem junge Menschen, die dank Internet und Social Networks gut miteinander vernetzt sind und so Botschaften verbreiten können, um sich, ebenso wie die Tunesier, von einem korrupten und autokratischen System loszusagen. Sind Ägypten und Tunesien Ausgangspunkt für die "Demokratisierungswelle" in Afrika und der arabischen Welt, von der z.B. der Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei spricht? Vielleicht. Jedoch sollte vor zu viel Euphorie gewarnt werden. Zum einen sind Ägypten und Tunesien zwei Staaten, die über eine relativ große und gut gebildete Mittelschicht verfügen, die zudem guten Zugang zum Internet hat. Dies gilt zweifellos nicht für die meisten anderen afrikanischen Staaten, v.a. in Subsahara-Afrika. Insofern ist eine Revolutionm, zumal via Internet, in Staaten wie Kongo, Ruanda oder Tschad äußerst unwahrscheinlich. Blickt man in den Iran, so zeigte sich bereits nach den wohl manipulierten Wahlen von 2009, dass das Regime ohne Rücksicht auf Verluste Aufstandsversuche massiv bekämpft und damit bislang stets erfolgreich war. Eine erfolgreiche Revolution hängt somit neben der Möglichkeit zur Mobilisierung möglichst vieler Menschen auch immer davon ab, wie das Regime darauf reagiert - das tunesische brach relativ schnell zusammen, das iranische ist seit Jahren standhaft.
Ob wir wirklich einen Demokratie-Schub in Afrika und der arabischen Welt erleben werden, ist ungewiss und von Land zu Land von Faktoren abhängig. Dennoch: die Menschen in diesen Staaten gelangen Stück für Stück zu der Ansicht, dass sie etwas tun können, dass ihre Stimme etwas wert ist und dass der Kampf um Freiheit durchaus zum Ziel führen kann. Auch wenn wir Demokratie anders definieren als andere Kulturkreise - der Wert der Freiheit wird überall geschätzt und es lohnt sich zweifellos, darum zu kämpfen. Die weitere Entwicklung wird sehr spannend sein.
|